Noras Welt: Das denkt die Ingenieurin

Ich arbeite als Frau in einem männerdominierten Berufsumfeld und beschäftige mich in meiner Arbeit mit Sprache. Da kommt man am Thema „Gendern“ nicht vorbei. Wie positioniere ich mich wohl dazu?

Jetzt, da ich das Fass aufgemacht habe, werde ich mich nicht mehr vor einer Aussage drücken können: Ich finde es gut, wenn Menschen gendergerechte Sprache verwenden. Denn wie für viele, fühlt es sich auch für mich gut an, wahrgenommen und nicht nur „mitgemeint“ zu werden. Und vielen der Podcaster:innen, die ich mir so anhöre, geht der Gender-Gap so flüssig von den Lippen, dass er den Hörfluss (Ist das das richtige Pendant zum Lesefluss?) kein bisschen stört.

Schreib- und Lesefluss holpriger

Zugegeben, beim Lesen finde ich das schon schwieriger. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich wohl eine kleine Lese-Rechtschreibschwäche habe und ohnehin sehr holprig lese. Da machen mir sperrige Formulierungen generell zu schaffen. So kam es dann auch, dass ich neulich im Baumarkt stutzte: Geht das nicht doch ein bisschen zu weit: FüllspachtelInnen? Es handelte sich aber um gar kein Gender-Gap sondern um Füllspachtel für den Innenbereich. Die grafische Gestaltung lies die zwei Worte ineinander verschmelzen und führte bei mir zu Verwirrung. Gleichzeitig macht mir die Anekdote deutlich, dass ich ja offensichtlich lernbereit bin und Wörter bereits anders wahrnehme. Ich lese und spreche in dem Wort „Häuschen“ das sch in der Mitte ja auch mit S-CH-Gap, wenn man so will, und nicht als „SCH“. Das haben wir in der Grundschule geübt und konnten es lernen. Ich denke, das wäre auch mit der Gender-Gap möglich. Unsren Kindern jedenfalls fällt das schon deutlich leichter als mir.

Noch kniffeliger wird es beim aktiven Anwenden, also beim Schreiben. Nehmen wir das Beispiel Journalist. Im Singular funktioniert Journalist:in ja bestens. Im Plural sieht das dann schon anders aus: Heißt es nun nichtig Journalisten:Innen oder Journalist:innen? Fragen Sie zehn Foren, finden Sie elf Meinungen. Wir behelfen uns dann gern mit Journalisten und Journalistinnen. Dann wird der Text aber gleich deutlich länger und nicht unbedingt leichter zu lesen.

Geduld und Toleranz

Neues Lernen fällt Menschen unterschiedlich leicht. Wenn andere gendern, komme ich damit sehr gut klar. Aber spätestens seit ich versuche, in meinen Texten selbst gendergerecht zu schreiben, kann ich nachvollziehen, dass Menschen damit ein Problem haben. Mir würde es trotzdem gefallen, hier nicht gleich das Kind mit dem Bade auszuschütten. Neues Lernen braucht immer auch Zeit und wir machen in der Lernphase nicht immer alles perfekt. Solange es keine eindeutige Definition fürs „richtige“ Gendern gibt, ist das ja sowieso schwierig. Ich könnte gut mit einer Mischung leben (Sprache ist ja ohnehin dynamisch und entwickelt sich schrittweise weiter): Die einen gendern, andere nutzen die längere Formulierung mit männlicher und weiblicher Form und einige bleiben beim Mitmeinen. Und das tun wir, ohne uns dafür anzufeinden oder zu streiten, wer denn nun die beste Lösung hat.

Besonders gut gefällt mir übrigens der Kniff, z.B. bei Berufen, die wir eher mit einem Geschlecht verbinden, bewusst das entgegengesetzte Genus zu nutzen: Wir sprechen dann also beispielsweise von der Ingenieurin, der Metzgerin oder dem Putzmann. Ja, das reibt ein wenig, zeigt aber, was das Thema „mitgemeint“ mit uns macht. Sprache schafft (einen Teil unserer) Wirklichkeit und unsere Gesellschaft braucht alle Geschlechter gleichermaßen. Daher fände ich es schön, wenn Gleichberechtigung auch über Sprache ihren Weg in die Wirklichkeit findet.

 

Nora Crocoll

Hat Technische Redaktion studiert und arbeitet seit 2005 als freie Technik-Journalistin für das rbs. Ihre langjährigen Erfahrungen im Bereich der Pressearbeit für die Automatisierungsbranche hat sie im Praxisbuch "Wirkungsvolle Produkt-PR: Einblicke in die Welt der Fachpresse" zusammengefasst.

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