Noras Welt: Bad news sells

Der Amazon-Gründer, Jeff Bezos, hat in den letzten Jahren mehrfach davon gesprochen, dass der Tod von Amazon unausweichlich sei. Wo immer ich darüber lese, schwingt Entsetzen mit: Wie kann man als Geschäftsführer so sprechen? Mein Erklärungsversuch kommt aus der Perspektive eines PR-Schaffenden …

Ja, ich bin Frau, aber dennoch gehe ich äußerst ungern shoppen. Seit ich Kinder habe, ist meine Begeisterung weiter gesunken. Wer hat schon die Zeit durch zig Läden zu laufen und Kleider anzuprobieren? Habe ich die Kleinen im Schlepptau, wird das schon im zweiten Geschäft zur Tortur. Am Ende sind sie neu eingekleidet, ich gehe frustriert und ohne neue Klamotten nach Hause. Beim Online-Shopping dagegen kann ich heute bestellen, und übermorgen bequem nach Feierabend anprobieren, wenn die Kleinen schlafen. Und ich kann gleich noch ein Feedback einholen vom besten aller Ehemänner. Inzwischen kaufen wir fast alles online, die Vorstellung eines Tages nicht mehr bei Amazon einkaufen zu können, macht auch mich nachdenklich. Andererseits frage ich mich, steckt hinter dieser Aussage eine ganz andere Motivation, als man vordergründig meint?

Negativbotschaften mit positiven Folgen

Bald merke ich, dass ich mit meinen Gedanken recht haben könnte: Beim Abendessen mache ich eine Bemerkung über den möglichen Niedergang des Online-Shopping-Giganten. Meine Tochter hat gleich die Lösung parat: „Dann müssen wir dort ganz viel kaufen, damit das nicht passiert.“ Aha. Sollte hinter der Aussage tatsächlich eine Marketingstrategie stehen, die Kunden unterschwellig ermuntert, den scheinbaren Untergang des Unternehmens abzuwenden? Ich möchte niemandem falsche Motive unterstellen, aber festhalten, was ich wahrgenommen habe: Hier wurde von einem Unternehmen eine Negativbotschaft gesendet, die potenzielle Kunden zum Kauf ermuntert.
Bevor Sie weiter rätseln: Nein, das entspricht nicht unserer Strategie für Pressearbeit. Aber vielleicht ermutigt das Beispiel diejenigen, die aus Angst vor negativem Image in Fachartikeln nicht einmal das Problem benennen möchten, das mit ihrem Produkt lösbar wird. Menschen lieben Probleme – wenn sie sich lösen lassen.

Nora Crocoll

Nora Crocoll

Hat Technische Redaktion studiert und arbeitet seit 2005 als freie Technik-Journalistin für das rbs. Ihre langjährigen Erfahrungen im Bereich der Pressearbeit für die Automatisierungsbranche hat sie im Praxisbuch "Wirkungsvolle Produkt-PR: Einblicke in die Welt der Fachpresse" zusammengefasst.

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