Glosse: Gedanken eines Pressearbeiters

Da hatte ich einen so tollen Text für die Fachpresse geschrieben und jetzt das: nur eine einzige Veröffentlichung. Redakteure sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Dabei hatte ich ganz tief in die Trickkiste gegriffen, als ich die Bedeutung unseres Gerätes für die Menschheit dargestellt habe: Unverzichtbar – ein Quantensprung der Technik. Dennoch ist es kinderleicht zu bedienen. Und die Qualität exorbitant. Allein den Begriff ultimativ habe ich fünfmal verwendet und siebenmal den Firmennamen untergebracht, natürlich in Versalien. Alles gestrichen!

Selbst die Passage über die schicken pinkfarbenen Bedienknöpfen fehlt, auch dass die Damen des Kegelklubs bei einer Werksbesichtigung von diesem Pink ganz begeistert waren. Vielleicht hätte ich deren Vorsitzende doch etwas ausführlicher zitieren sollen? Aber dann – ihr Zitat länger als das meines Geschäftsführers? Wäre er dann sauer gewesen? Mit einem weiteren Lob der eigenen Firma hätte man das ja ausgleichen können, sodass unsere Bedeutung dann auch wirklich jeder begreift.

Einer war richtig mürrisch, sagte was von Ethos – nun ja, Presse-Heini eben.
Nur – die Heinis von der Presse begreifen natürlich gar nichts. Hab ich sie doch alle abtelefoniert und gesagt, dass sie einen Supertext bekommen, fertig gelayoutet. Sie hätten gar keine Arbeit damit und müssten das fertige PDF nur noch ins Heft stellen. Einer war richtig mürrisch, sagte was von Ethos und Berufsverständnis – nun ja, Presse-Heini eben.

Stattdessen drucken sie die dröge Pressemeldung der Konkurrenz. Pressemann Müller – ich kenne den persönlich – hat sich da mal wieder über den Nutzen für den Anwender ausgelassen und über die Einsatzmöglichkeiten, ansonsten nur Fakten. Will sein Geschäftsführer so was in der Presse lesen? Fünfmal habe ich das jetzt schon in verschiedenen Zeitschriften gesehen – weiß der Teufel, wie oft es erschienen ist. Möchte wissen, wie Müller das hinbekommt.

Bild: © olly – Fotolia

Dietrich Homburg

Dietrich Homburg

Hat Nachrichtentechnik studiert und war danach als Entwickler, Dozent für Elektronik und verantwortlicher Redakteur einer Fachzeitschrift tätig. Seit 1980 arbeitet er als freier Technikjournalist und Presseberater.

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