Nora fragt den Redakteur

Die Zukunft digitaler Pressearbeit

Wie läuft die Arbeit in der Redaktion ab? Was ist dem Redakteur wichtig? Wer sein Gegenüber kennt, kann besser mit ihm zusammenarbeiten. Deshalb wollen wir in dieser Reihe immer mal wieder Redakteure zu Wort kommen lassen. Heute sprechen wir mit Dirk Schaar von messweb und drivesweb über digitale Pressearbeit.

Hallo Herr Schaar, wir kennen uns nun schon sehr lange. Sie waren 22 Jahre bei den Vereinigten Fachverlagen (VFV) und haben nun von einem Print-Heft, das von digitalen Angeboten ergänzt wird, zu einem reinen Digital-Medium gewechselt. Warum?

Dirk Schaar von messweb.de und drivesweb.de

Ja, ich bin jetzt schon über zwei Jahrzehnte in der Branche und habe den Wandel von Print zu Digital nicht nur beobachtet, sondern bei den Vereinigten Fachverlagen aktiv mit vorangetrieben. Das hat mit einer Messe in Indien angefangen, von der ich sehr viel digitales Material mitbrachte. Von den Kollegen wurde das anfangs noch belächelt. Wir haben aber zunehmend gute Wege gefunden, dieses Material zu nutzen. Und auch wenn mein Herz noch immer für Print schlägt, war der Schritt zu einem rein digitalen Medium nur konsequent. Schon allein, weil mich die vielseitigen Möglichkeiten begeistern, die digitale Medien bieten.

Welche sind das konkret?

Wer heute studiert, liest im Wesentlichen online
Nun, Geschwindigkeit und Flexibilität sind gleich zwei Vorteile: Ich kann meine Leser jederzeit und überall erreichen. Das gibt auch dem Leser mehr Freiheiten, er kann besser entscheiden, wann und wo er liest. Aus meiner Sicht und Sicht der Unternehmen lassen sich Informationen zudem viel weiter streuen. Ja, es gibt auch größere Streuverluste, das stimmt. Generell ist die Menge, die ich erreichen kann, aber gigantisch. Und schließlich kommen die Infos auch viel besser beim internationalen und jungen Publikum an. Wer heute studiert, liest im Wesentlichen online.

Zudem haben wir es bei digitalen Medien viel leichter, Mehrwerte zu schaffen. Beim gedruckten Heft gibt es da immer einen Medienbruch. Wer gibt schon gerne kryptische oder lange Links ein oder scannt QR-Codes? Online geht es einfach über einen integrierten Link direkt weiter.

Außerdem bekomme ich über Klicks auch ein Feedback, welche Beiträge wie oft gelesen werden. Das interessiert nicht nur die Unternehmen, mit denen ich zusammenarbeite. Für mich als Redakteur bietet das nützliche Informationen, was meine Leser interessiert und welche Schwerpunkte ich künftig setze. Das ist im Grunde noch besser als die gute alte Kennziffer.

Kann man mit digitalen Medien Geld verdienen?

Ja, aber man darf nicht denken, wie ein Print-Verlag. Die Kosten sind anders strukturiert, aber auch die Gewinne. Wenn man das verstanden hat, kann man neue, funktionierende Ansätze aufbauen.

Hat Corona das Leserverhalten verändert? Und beeinflusst die Pandemie-Krise, wie Unternehmen über digitale Redaktion denken?

Wer kann gerade noch sagen, ob Hefte überhaupt beim Leser im Homeoffice ankommen? Das hat digitalen Medien definitiv einen Schub gegeben. Der Switch von Print zu Digital, der sonst noch Jahre gedauert hätte, kam jetzt innerhalb von Monaten. Und so erlebe ich tatsächlich ein Umdenken bei Unternehmen in Bezug auf digitale Pressearbeit. Heute sind exklusive Fachbeiträge „nur“ für Online kein Thema mehr. Bei der Frage wurde ich vor einem Jahr von vielen noch verständnislos angeschaut. Also ja, Corona hat das Denken und Handeln von vielen Marketing- und Presseabteilungen deutlich verändert.

Wie sehen Sie die Zukunft der Print-Medien?

Allein schon, weil ich Print sehr mag hoffe ich, dass es gedruckte Zeitschriften auch in vielen Jahren noch geben wird. Aber ich denke, nicht alle Hefte werden überleben, vor allem nicht in unserem technischen Bereich. Durchhalten werden die, die sich durch qualitativ hochwertige redaktionelle Beiträge und Einfallsreichtum aus der Masse hervorheben.

Zum Abschluss noch ein paar persönliche Fragen: Lesen Sie lieber digital oder analog?

Inzwischen lieber digital. Eine Ausnahme ist die Wochenendausgabe unserer Tageszeitung. Aber wenn ich ehrlich bin, finde ich das Format extrem unhandlich. Ich werde also immer mehr Fan des digitalen Lesens. Auch wenn der praktische Sekundärnutzen z.B. beim Einpacken von Biomüll durch Online-Zeitschriften nicht gegeben ist.

Was begeistert Sie an Ihrem Job?

Technologische Neuheiten. Nach all den Jahren fasziniert mich noch immer der Erfindungsreichtum der Unternehmen und Universitäten, mit denen ich zusammenarbeiten darf. Pfiffige Ideen begeistern mich immer wieder aufs Neue. Und ich liebe es, die Menschen kennenzulernen, die hinter diesen Ideen stecken.

Was kann Sie bei Ihrer Arbeit auf die Palme bringen?

Schlechte Pressemeldungen. Und mich ärgert, wenn die Kontaktdaten von Ansprechpartnern für Pressearbeit nicht auf der Webseite eines Unternehmens auffindbar sind. Wollen die nicht mit der Presse kommunizieren?

Womit kann man Sie bei Ihrer Arbeit glücklich machen?

Mit guten Pressetexten. Aber auch mit kreativen Ideen und der Frage: Können wir das gemeinsam umsetzen?

Vielen Dank für das angenehme Gespräch, Herr Schaar!

Nora Crocoll

Nora Crocoll

Hat Technische Redaktion studiert und arbeitet seit 2005 als freie Technik-Journalistin für das rbs. Ihre langjährigen Erfahrungen im Bereich der Pressearbeit für die Automatisierungsbranche hat sie im Praxisbuch "Wirkungsvolle Produkt-PR: Einblicke in die Welt der Fachpresse" zusammengefasst.

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