Glosse: Content – wer braucht das schon?

Einfach nur Pressearbeit war gestern, Content-PR ist heute, habe ich gerade gelesen und fange an zu zittern. Ob meine schreibenden Kollegen und ich bei dieser Trendwende künftig noch mitkommen? So viel Absurdität schreit aus meiner Sicht nach einer Tipps-Ausnahme: einer Glosse.

Es ist so revolutionär, dass ich mich wundere: Warum bin ich selbst noch nicht darauf gekommen? Aber es ist ja oft so: Die genialen Ideen erkennt man meist sofort und denkt, das hätte MIR einfallen müssen! Denn es ist einfach nur gut und im Grunde so simpel. So wie eben diese Erkenntnis, die künftig die Pressearbeit revolutionieren wird.

Revolutionäre Idee: Der Leser soll im Mittelpunkt eines Textes stehen.
Aber soll ich sie wirklich verraten, oder doch besser für mich behalten? Nun gut, es wurde ja bereits ins World Wide Web geschrieben und könnte sich über kurz oder lang ohnehin herumsprechen. Vorausgesetzt diese Sensation geht nicht unter den Milliarden nutzlos mit Inhalt getränkten Beiträgen unter. Also, ich kann es wohl verraten, das große Geheimnis künftiger Pressearbeit: Der Leser soll im Mittelpunkt eines Textes stehen. Mit „nützlichen, hilfreichen und unterhaltsamen Inhalten“ soll man ihn gewinnen, statt mit Werbefloskeln.

Einfach genial! Aber andererseits, warum eigentlich? Wenn ich so durch das Internet surfe oder in Zeitschriften blättere, lese ich eigentlich am liebsten die Texte, in denen steht, wie sensationell und einzigartig ein Unternehmen ist. Hier lese ich ausdauernd. Bis zum letzten Satz der Lobhudelei. Denn nur so kann ich doch sicher wissen: Hier bin ich gut aufgehoben. Sachinhalte, neudeutsch Content? Schnickschnack. Welcher Leser kann das schon wollen?

Mein Unternehmen ist das Beste! Das muss man dem Redakteur schon direkt sagen.
Ich meine, als seriöser PR-Berater sollte ich immer zuerst das Unternehmen im Blick haben. Schließlich betreibt man hier einen großen Aufwand und investiert viel Geld, damit ein Unternehmen an die Öffentlichkeit kommt. Und wenn schon, dann auch richtig. Mit vielen Superlativen. Und der Firmennamen. Er kann gar nicht oft genug in einem Text erscheinen. Am besten fett gedruckt oder besser noch farblich hervorgehoben. Denn der langfristige Presseerfolg ist ja das erklärte Ziel. Der Text muss ins Heft und zum Leser. Also muss ich zuerst den Redakteur überzeugen: Mein Unternehmen ist das Beste. Mit Sachinhalten? I wo. Das muss man ihm schon direkt sagen, damit er es auch versteht. Ansonsten laufe ich doch Gefahr, dass unter meinen nützlichen, hilfreichen und unterhaltsamen Inhalten die wichtigste Message untergeht: Wir sind die Besten!

Nachtrag:
Ob ich das alles ernst meine? Das können Sie ganz einfach rausfinden, indem sie meine anderen PR-Tipps in dieser oder älteren Ausgaben lesen oder sie abonnieren meinen Blog (produkt-pr.blogspot.de). Eventuell beherrsche auch ich das Stilmittel der Ironie …

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Nora Crocoll

Nora Crocoll

Hat Technische Redaktion studiert und arbeitet seit 2005 als freie Technik-Journalistin für das rbs. Ihre langjährigen Erfahrungen im Bereich der Pressearbeit für die Automatisierungsbranche hat sie im Praxisbuch “Wirkungsvolle Produkt-PR: Einblicke in die Welt der Fachpresse” zusammengefasst.

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